Es ist alles ganz anders gekommen:
auf der entscheidenden Pressekonferenz erklärt Günter Schabowski dem staunenden Auditorium nicht etwa die Genehmigung zur sofortigen Ausreise, sondern die Entdeckung des größten Erdölfeldes vor der Insel Rügen, komplett auf dem Hoheitsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik.
Nichts kam so wie es war. Die DDR besteht weiter und ist nun der reichste Staat der Erde.


Fünfundzwanzig Jahre später erzählen zwei unterschiedliche Journalisten wie es nun in diesem so kleinen, so reichen Staat zugeht.
6500 Mark bedingungsloses Grundeinkommen genießen die Staatsbürger, zehntausende Wessis kommen zum Arbeiten in den Hilfsjobs jeden Tag von West nach Ost. Von der Sekretärin für Agitation und FDJ Mitglied Angela Merkel hört man nichts, da sie im Zuchthaus sitzt.
Dafür sind Geschäftsführer wie Hartmut Mehdorn freiwillig zum Arbeiten in die höchstgeheime Rechner-Schmiede von West nach Ost gezogen um in dem VEB Robotron die modernsten Computer zu bauen (was sich wirklich hinter den Mauern abspielt, wird sehr schön aufgeklärt).
Kai Pflaume und Kati Witt sind die Moderatoren der beliebten Sendung "Strasse der Besten". Diese Realsendung kommt aus dem kubanischen Dschungel. Dort können problematische, in Ungnade der Parteiführung geratene Genossen und Genossinnen sich Rehabilitieren.
Dafür muss man halt Maden essen oder durch stinkende Sümpfe laufen, dabei hat man dann die "Internationale" zu singen oder die Beschlüsse des letzen Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands aufsagen zu können. Somit kommt der Bildungsauftrag auch nicht zu kurz. Die Zuschauer wählen jeden Tag einen der Protagonisten raus, der letzte kommt wieder in Amt und Würden. Wenn das kein Programm ist.

Diese Groteske wird dann sogar noch sehr geschickt eine tragische Liebesgeschichte zwischen der Nichte Stalins und eines hodenbeissenden deutschen Genossen gebracht.

Buchtitel: Schwarzes Gold aus Warnemünde
Autor: Harald Martenstein & Tom Peuckert
erschienen: August 2015 (Auflage 3)
Verlag und Genre: Aufbau Verlag // Roman



Herrlich verrückte Einfälle in Legion!
Gysi als Kultusminister - sehr schön. Prora als Sitz des Erdölkombinats.
Köstlich: Karl-Theodor zu Gutenberg als DDR Wirtschaftsminister, der andere Parteimitglieder plötzlich "Genosse" nennt und den Hauptexportschlager des Landes "Sicherheit" nennt und das auch noch argumentativ nicht schlecht verkauft.
Der Autor Martenstein schreibt in erster Linie für die altehrwürdige "Zeit". Das Schreiben in der ersten Person ist nicht mein Lieblingsstil aber bei diesem Buch liest es sich sehr gut weg.
Der Autor Tom Peuckert, der im Buch den intellektuellen Ossi gibt, gibt es gar nicht. Er steht lediglich als Witz auf dem Einband, bzw. um dem Buch spaßeshalber einen korrekten Anstrich zu geben. Da es sich bei diesem Buch allerdings um "Berichte und Reportagen" handelt, ist diese Nennung auf dem Umschlag durchaus sinnvoll.
Doch neben den lauten, teils derben Tönen in denen die Zustände der DDR beschrieben werden, prangert der Autor geschickt die bestehenden Verhältnisse mit all ihren Problemen an. Das geschieht nie so brutal laut, wie weite Teile des Buches sind, sondern leise, fast unauffällig. Die Texte sind an sich gut zu lesen.
Es dauert etwas bis man sich an die besondere stilistische Art gewöhnt hat, da Erzählungen, "Interviews" und "Tatsachenberichte" wie zum Beispiel die Besudelung des großen Brunnens auf Rügen bunt gemischt erzählt werden.

„Schwarzes Gold aus Warnemünde“ ist durchgehend unterhaltsam, jedoch nicht immer leicht zu lesen.

unser Fazit: vergnüglicher Ritt durch die Schattenseiten des Erdölsozialismus



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